„Soziale Beziehungen sind für Menschen mit Demenz wichtiger als Medikamente“

Das Beobachtungsverfahren „Dementia Care Mapping“ (DCM) spielt als Expertenstandard in der Pflege von Menschen mit Demenz eine bedeutende Rolle. Die Heinrichs Gruppe hat sich von Dipl.-Theol., BPhil Christian Müller-Hergl, der DCM in Deutschland eingeführt hat, weiterqualifizieren lassen.

Wassenberg. Menschen mit Demenz sind sowohl für Angehörige als auch für Pflegekräfte oft ein Rätsel: Was geht in ihnen vor? Wie fühlen sie sich? Sind sie glücklich? Mit der Entwicklung des Dementia Care Mappings (DCM) ist es gelungen, die Lebensqualität der Betroffenen einschätzen zu können. Die Einrichtungen der Heinrichs Gruppe arbeiten seit 2003 mit diesem Beobachtungsverfahren, das ursprünglich an der Universität Bradford entwickelt wurde. Mitarbeiter des Unternehmens haben sich jetzt von Dipl.-Theol., BPhil Christian Müller-Hergl von der Universität Witten/Herdecke, der das DCM-Verfahren 1998 in Deutschland eingeführt hat, zu professionellen Beobachtern weiterqualifizieren lassen.

„Soziale Beziehungen sind für Menschen mit Demenz wichtiger als Medikamente, Bewegung oder Beschäftigung. Menschen mit Demenz brauchen Kontakt“, sagt  Müller-Hergl. So sind die Konsequenzen, die man aus dem Beobachtungsverfahren ziehen kann, meist Kleinigkeiten. Menschen mit Demenz wollen – wie andere Menschen auch – gehört, verstanden und angenommen werden. „Ein Beispiel: In einem Pflegeheim in Dortmund sitzt ein an Demenz erkrankter Bewohner und sagt zur Pflegerin ,Mädchen, komm mal bei mich bei‘. Es geht um die Bereitschaft des Mitarbeiters, Bewohnern Aufmerksamkeit zu schenken“, erklärt Müller-Hergl.

Jedoch: So individuell wie jeder Mensch ist, sind auch die Bedürfnisse der Bewohner. Es gibt daher nicht den einen Maßnahmenkatalog, der sich aus dem DCM ableiten lässt. Das Ziel von DCM lautet, die Pflege zu individualisieren. Nicht unbedingt ist der Einsatz von DCM gleichbedeutend mit einer Verbesserung der emotionalen Situation des Bewohners. Hin und wieder ist auch die Erhaltung des Status quo als Erfolg zu bewerten. Und nicht unbedingt stimmen Verbesserungen für den Menschen mit Demenz mit eigenen oder generell geltenden Normvorstellungen überein. „DCM hat auch zum Ziel, unsere Mitarbeiter fortlaufend zu sensibilisieren. Ist es in jeder Situation zwingend notwendig, der Situation die eigenen Normvorstellungen überzustülpen?“, erklärt Björn Cranen, Leiter Sozialtherapeutische Dienste Heinrichs Gruppe.

Die Dauer von DCM bei einem Betroffenen beträgt in der Regel einen Tag. Die Ergebnisse des Beobachtungsverfahrens werden schriftlich festgehalten und dem Pflegeteam vorgelegt, als Spiegel sozusagen vorgehalten – ohne festzulegen, was zu tun ist. „Das entscheiden die Pflegefachkräfte selber, denn sie kennen den Bewohner am besten“, sagt Cranen.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Nicht in jeder Pflegeeinrichtung ist es sinnvoll, mit DCM zu arbeiten. Denn warum den Spiegel vorhalten, wenn aufgrund der Rahmenbedingungen nichts zum Wohlbefinden des Bewohners geändert werden kann? Dementia Care Mapping braucht Raum zur Gestaltung, damit es funktioniert  und zu Ergebnissen führt. „DCM ist in Deutschland nicht sehr weit verbreitet, weil viele Einrichtungen den Aufwand scheuen und die Ausbildung der Fachkräfte nicht refinanziert wird“, berichtet Müller-Hergl.

Die Heinrichs Gruppe setzt rund 25 sogenannte Mapper ein, die DCM in den Pflegealltag integrieren. Sie arbeiten einrichtungsübergreifend, jedoch nie im eigenen Haus, um eine größere Objektivität und mehr Abstand zum Betroffenen zu wahren. „Ihre Beobachtungen sind immer subjektiv. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass 90-95 Prozent der Beobachtungen so sind, dass andere Beobachter zu dem gleichen Ergebnis kommen würden“, sagt Müller-Hergl.

Letztlich sind es nicht nur Menschen mit Demenz und Pflegefachkräfte, die von Dementia Care Mapping profitieren. Auch Angehörige erhalten damit die Chance, die Veränderungen des Partners oder Familienmitglieds nachvollziehen zu können. Um dann vielleicht nicht mehr vor einem allzu großen Rätsel zu stehen.